Wir nehmen dich mit nach Schottland – Ein Rückblick der Wildnistour

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In einem Land vor unserer Zeit.
Die Wildnistour nach Schottland

Rau und ursprünglich, wie in einem Land vor unserer Zeit … abgerundete Berge und muldenhafte Täler. Die zahllosen Hügel und Hochebenen machen das Land seit jeher ungeeignet für die Landwirtschaft. Ein eigentlich noch junges Land, geformt von der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren. Seitdem lebten nie viele Menschen in den Highlands. 

Unser kleiner Wandertrupp von acht Menschen rückte in diese schwer erschließbaren Gebiete vor. Die 2-tägige Reise mit Bus und Fähre ließ die Erwartung stetig wachsen, obwohl die meisten (oder zumindest ich) nicht so wirklich wussten, was zu erwarten war. Nach der ersten Nacht, die man noch zwischen Kiefern und Lärchen verbrachte, kam man schnell in weite Heideflächen, wo kaum ein Baum mehr wächst und die Landschaft geprägt ist von fliedernem Heidekraut und grünen Moosen. Der von Mooren geprägte Boden ist durchzogen von Felsen sowie kleinen und größeren Bächen, die rauschend die Berge hinunterspazieren. Einen Lagerplatz zu finden war da gar nicht so einfach. Dem böigem Wind trotzend stapften wir durch Schluchten und an Bergseen vorbei, bis man sich schließlich niederließ, etwas Einfaches aber Leckeres gekocht und bis in die Dämmerung Durak und Wizard gespielt wurde. Zuletzt auf ins Traumland im warmen Schlafsack.

Kühl war es schon manchmal – meistens eigentlich. Ein schweißloser Hochsommer im Cairngorm National Park. Zumindest in der ersten Woche wollte die Sonne nicht zu oft „Hello“ sagen – wenn, dann jedesmal von uns fanatisch willkommen geheißen. In der zweiten Woche wurde das Wetter etwas freundlicher. Das raue, violett-grüne Land der Berge und Bäche funkelte am stärksten, als man schon an Abschied zu denken begann. Ein paar Dinge würde man weniger vermissen. Zum Beispiel die Mitches – kleine massenhafte Mücken. Die Mückennetze und das abwehrende Spray waren da große Retter. An die verschleierten Kumpanen gewöhnte man sich schnell. Die Mitches können einen übrigens schon aus hundert Meter Entfernung am Kohlendioxid im Atem wittern, aber das nur nebenbei.

Die Tour war gepickt mit kleinen, großartigen Momenten. Man erarbeitete sie sich durch Beinarbeit. Wenn man zum Beispiel auf der Spitze eines Berges ankam und die schier unendlich scheinende Aussicht genießen konnte. Oder wenn auf einmal eine Rentierherde den Weg kreuzte oder wenn man am späten Mittag auf Felsbrocken hockend Knäckebrot mit leckeren Aufstrichen genießen konnte. Oder wenn das zusammengebaute Gruppen-Tarp nach ein paar Tagen Übung tatsächlich einwandfrei aussah. Und man dann freude- und kältekreischend im klaren Bergsee baden ging und dann fliegt abends am Zelt auch noch eine mystische Eule vorbei.

Am Ende die Erkenntnis, dass wir ein zusammengewachsenes Team geworden sind und ein jeder seinen speziellen Teil dazu beigetragen hat. Manche glänzten durch unbezwingbare Motivation, andere mit Fachwissen über Flora oder Fauna. Manche brachten zum Lachen durch freiwillig schlechten Humor, andere waren unfreiwillig umso lustiger. Man half sich gegenseitig mit Tape oder Blasenpflastern oder der Erinnerung an die “Gute Laune!!!”.

 

Der zweithöchste Berg Schottlands, der Ben MacDui, war am Ende dann gefühlt ein Klacks und epische Fotos wurden Normalzustand. Bei mir war der Blick fast stets nach oben zu den Felsvorsprüngen, Bergkuppen oder den sich ständig wandelnden Wolkenfeldern gerichtet. Lustige Schafe und herzliche Schotten bescherten kulturelle Eindrücke und die Annehmlichkeiten der Zivilisation bekamen ein ganz neues Licht, nachdem man sich am Ende der Strecke mit der anderen Gruppe zur Rückreise wiedertraf.

Ein Tagebuch und eine Kamera fixierten einige schöne Augenblicke. Die tatsächliche Freude und Freiheit hatte aber jeder ganz für sich und teilte sie mit oder auch nicht. Ich persönlich bin an meine gedachten Grenzen gekommen und habe gemerkt, dass die Grenzen noch viel weiter entfernt ist. Du stehst mit dem Rucksack, deiner Lebensversicherung auf den Schultern, nah den Abhängen und blickst in die Ferne. Nur das Krackseln der Wanderschuhe und das Rauschen der Bäche zu hören. In der ursprünglichen Weite entdeckte ich meine eigenen Prioritäten wieder. Ein stetiger Rhythmus zwischen Ruhe und Abenteuer, Zeit für mich ohne Uhrzeit oder Bildschirme, Vertrauen in meine Gruppe und in mein Mückennetz. Ein bisschen Wind und Kälte als Pfeffer in der Suppe. Wer es scharf nicht gerne mag, der kann ja ne Kreuzfahrt machen.

Kieran Thomas