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Alles begann mit einem Flyer – Kathrin Mordeja (25 Jahre 25 Geschichten)

Alles begann mit einem Flyer in der Stadtbibliothek. Meine Mutter nahm ihn mit und bald meldete sie meinen Bruder und mich beim Bio Bauernhof an.

Die Aufregung war groß. Irgendwo zwischen Schmerzen und Schmetterlingen im Bauch pendelte sich meine Stimmung ein. Viel weiß ich nicht mehr: Esel streicheln, Milch beim Bauern holen, schiefer Lagerboogie am Feuer und Körbe flechten.

Aber wenigstens kein Besuch im Krankenhaus.

Stopp. Das muss ich kurz erklären: Ich hatte die ungewöhnliche Angewohnheit, mich bei NAJU Freizeiten immer zu verletzen. Ich lief auf geradem Boden und verstauchte mir den Knöchel. Ich rutschte im Schwimmbad aus und holte mir eine Knochenhautprellung im Ellenbogen. Ich rannte auf der Wiese und riss mir Bänder. Übrigens kotzte mein Bruder regelmäßig auf Freizeiten.

Zurück zum Bio-Bauernhof: Ich hätte nie erwartet, dass ich da zwei Mädchen kennenlernen würde, mit denen ich heute noch befreundet bin. Sie nahmen mich einfach so in ihre Clique auf. Einfach so.

Wir pflanzten unsere Freundschaft wie ein Samenkorn in den Boden. Nach einer Weile spross der Keim bis aus dem zarten Pflänzchen ein robuster Stamm geworden war.

Gemeinsam entflohen wir dem Alltag, vergaßen für einen Moment all unsere Probleme und lebten in der Gegenwart. Wir hangelten uns von Freizeit zu Freizeit, um den Wahnsinn unseres Lebens zu entgehen. Und plötzlich kam die Pubertät. Pickel sprossen in unseren Gesichtern, Haare wuchsen an komischen Stellen und Jungs wurden interessant. Sogar für einen Moment fast zum Lebensmittelpunkt. Mit ihren schlaksigen Körpern, die den letzten Wachstumsschub gerade so überstanden hatten, mit ihren Stimmen, die sich noch nicht für Hoch oder Tief entschieden hatten, und mit all den aberwitzigen Erlebnissen, die wir miteinander teilten: Wegrennen vor den Teamern, Wasserschlachten beginnen, zueinander in die Zelte und Zimmer schleichen, auf Dächer und Bäume klettern, hinter Vorhängen verstecken…

Und plötzlich waren wir Teamer. Hatten selbst Verantwortung, obwohl wir manchmal halbe Kinder waren. Oder uns zumindest so benahmen.

Ich weiß noch genau, wie wir gemeinsam das Zelt aus Sternen betrachtet haben. Auf dem Boden lagen, zugedeckt von Eifer, Freude und ein wenig kalter Luft, schliefen wir fast ein. Fernab der Wirklichkeit, tief in unseren Träumen versunken sahen wir so viele Sternschnuppen, bis wir keine Wünsche mehr hatten. Weltfrieden, Liebe und ein klein wenig Geld. Wir malten unsere Zukunft in den hellsten Farben bis der ganze Himmel strahlte. Schwarz wurde zu Lila.  Lila zu Rot. Rot zu Orange. Orange zu Gelb.

Das Feuer am Himmel brannte aus. Er nahm ein helles Blau an und die Sonne weckte uns mit ihrer Wärme. Die Nacht war vergangen und der nächste Tag brach an. Ganz egal, was kommen mochte, wir wachten wieder mit einem Lächeln auf den Lippen auf. Müde schlurften wir von Zelt zu Zelt, weckten die Kinder auf, lauschten ihren Geschichten und hofften, dass es ihnen genauso geht wie uns.

Jetzt sind genau diese Kinder zu Frauen und Männer gewachsen. Und die Geschichte wiederholt sich. Wieder und wieder.

In den letzten Jahren war ich Teilnehmerin, Teamie, Teamerin, Beisitzerin, Landesjugendsprecherin, Angestellte, Bundesjugendsprecherin, aber auch Streitschlichterin, Zuhörerin, Rednerin, Sitzungsleitung, Schulter zum Ausweinen, ein fast normaler Mensch, Repräsentantin, Möchtegern-Pädagogin, Irgendwie-Personalerin, PR-Profi, Querdenkerin, Macherin mit Visionen und irgendetwas dazwischen. Meine erste NAJU Freizeit war vor 13 Jahren. Meine Letzte wird irgendwann kommen. Aber nicht bald.

 

Über die Autorin

Kathrin Mordeja macht inzwischen eben solche Flyer für die NAJU Hessen, die sie zu den Freizeiten gebracht haben. Jetzt entwickelt sie Kampagnen und Ideen wie diese für die NAJU Hessen, ist Mitarbeiterin im Projekt „Naturbegegnungen interkulturell“ und nebenbei Bundesjugendsprecherin.

25 Jahre 25 Geschichten

Seit der Gründung der NAJU Hessen haben viele Personen die NAJU geprägt. In den letzten 25 Jahren entstanden unendliche viele Erinnerungen, traurige und lustige Szenarien. Im Zuge des Jubiläums stellen wir 25 Geschichten aus den letzten 25 Jahren vor.